Zur Diskussion um Alternativem zum Kapitalismus – Freiwirtschaft – Fairconomy / Marx – antisemitische Wirtschaftskritik in der SO, Nummer 08 – 12/2006.


Als Teilbetroffener der Diskussion, der auf den Internetseiten der SO am 8.12.2006 außerdem von Patrick Pritscha (PP) als „rechtsextrem“ verortet wurde, weil ich 1969 für die „rechtsextreme Freisoziale Union FSU“ kandidierte, melde ich mich zu Wort, um die Debatte zu positiven Ergebnissen zu führen, damit ein zweiter Sozialismusversuch nicht wieder staatskapitalistisch versandet. Georg Otto


Zuvor äußerte sich PP in SO 10, S. 9 zu „antisemitischer Wirtschaftskritik“, in die er die „absonderliche“ Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells einordnete, „zumal schon die Nazis mit der Brechung der Zinsknechtschaft versprachen, alle Probleme des bösen Kapitalismus zu lösen. Er verstärkte es: Diese Lehre sei „Ausdruck völliger Unkenntnis der Funktionsweise des kapitalistischen Systems und gründe sich auf antisemitische Wahnvorstellungen“.

Zu beiden Punkten nur kurz. Wer mehr wissen will, wie sich so ein Absonderling entwickelte, kann das bald nachlesen in: „Politische Jugend in Großenhain unterm Hakenkreuz und unter Hammer und Sichel“. PP: sagt über mich Dinge, die er nicht aus meinem von SO veröffentlichten Aufsatz „Fairconomy und Marx“ hat, sondern die von bestimmten linken Gruppen West und seit 1990 auch Ost über Freiwirtschaft und damit verbundene Personen gezielt gesammelt, gefiltert, weiterverbreitet und unkritisch und ohne Rücksprache mit Betroffenen nachgeschrieben und nachgeredet werden. Hätte PP mit mir Rücksprache genommen, so konnte er erfahren, dass ich die FSU damals auch wegen „rechter Tendenzen“ verließ, dass ich es aber immer ablehnte die FSU insgesamt als „rechtsextrem“ zu betrachten. Diesen Nachweis kann weder PP noch sonstige Gegner der Gesellschen Lehre führen. Auch nicht Prof. Altvater, mit dessen Kritik ich mich in Kürze auseinandersetzen werde. Auch später habe ich, wenn sie auftauchten, „rechte Tendenzen“ bei FSU-Leuten in der Zeitschrift „ALTERNATIVEN“ bekämpft. Seit sich die FSU 2004 in HWP-HUMANWIRTSCHAFTSPARTEI umnannte, stellt ich dies nicht mehr fest, vielmehr traten Träger solcher Tendenzen aus, so dass ich jetzt in ALTERNATIVEN und im Rundbrief „ Zur Strategie“ zu überlegen gab durch Mitarbeit zur endgültigen Bereinigung dieser Frage beizutragen, zumal in PDS/WASG/LINKEN und GRÜNEN erst schwache liberalsozialistische so kann Freiwirtschaft besser beschrieben werden) Pflänzchen gedeihen.

Der Vorwurf des Antisemitismus sticht weder gegen Gesell, noch gegen seine Lehre. Die Zitate, die dazu Peter Zimmermann anführte, könnten höchstens vermehrt werden; sie sprechen für sich. Gesells wissenschaftliche Zinstheorie ist mit der völkisch-rassistischen Lehre Gottfried Feders, des eigentlichen „Vordenkers“ wie Gründers der NSDAP – noch vor dem Eintritt Hitlers als 7. Mitglied in diese Partei - in keiner Weise gleichzusetzen. Natürlich ist aus Gesells Sicht eine Spaltung in bösen und guten Kapitalismus, in raffendes (jüdisches) und schaffendes (arisches) Kapital völlig unsinnig. Für die Zinswirtschaft, den Kapitalismus, ist es völlig unbedeutend, ob sich Christen, Juden, Atheisten oder Moslems der entscheidenden Waffe des GELDSTREIKMONOPOLS bedienen. Neben dem BODENSPERRMONOPOL ist es die entscheidende Waffe den Kapitalismus als Geldherrschaft und Boden-feudalismus in aller Welt durchzusetzen.

Ich stimme mit PP überein, eine „radikale Kritik des Kapitalismus zu formulieren und diesen zu überwinden“. Und dazu gehört eine Diskussion darüber, ob dessen Wesen darin besteht, ein „Waren produzierendes System“ zu sein oder ob nicht erst von der Geldseite sowohl konjunkurstörende und sein Ergebnis sozial verfälschende Faktoren in die Warenproduktion hineingetragen wurden, so dass sich die Warenproduktion insgesamt als kapitalistische Warenproduktion etablierte, „in der mit der Ausdehnung der Warenzirkulation die Macht des Geldes, der stets schlagfertigen Form des Reichtums wächst“, so MARX im Kapitel über die Schatzbildung (Produktion macht, Bd. I, „Das Kapital“, S. 144-148) Was die „stete Schlagfertigkeit des Geldes“, die das Geld zum Herrn des Austausches und der bedeutet, hat MARX bereits davor in einer klaren Analyse des durch das Geld zu störenden Austauschprozesses der Waren, in der Formel W – G – W (Ware – Geld – Ware) erklärt: „Da die erste Metamorphose der Ware (der Gestaltwandel der Ware in Geld, d. Verf.) zugleich Verkauf und Kauf, ist dieser Teilprozeß zugleich selbständiger Prozeß. Der Käufer hat die Ware, der Verkäufer hat das Geld, d.h. eine Ware, die zirkulationsfähige Form bewahrt, ob sie früher oder später wieder auf dem Markt erscheine.“ (Hervorhebung v.Verf.) Darin äußerst sich also die „Schlagfertigkeit des Geldes“ Während die Logik der Formel W – G – W verlangt, dass Geld unmittelbar nach W – G erneut zum Einsatz kommt und den zweiten Teilakt G – W vollzieht, besteht die Realität eines Geldes, das gehortet werden kann, darin, dass es den Gesamtprozeß unterbrechen und dadurch eine Krise, zunächst als Absatzkrise verursachen kann. Wenn aber, um es plastisch auszudrücken, die Frau des Handwerkers im Laden (im Zirkulationsprozeß) die Produkte ihres Mannes aus der Werkstatt (dem Produktions-prozeß) nicht mehr voll verkaufen kann, dann geht diesem langsam die Arbeit aus und die Produktion wird mit der Absatzstockung auch unterbrochen. Genau das hat Silvio GESELL in seinen Schriften vor und nach 1900 erklärt und ein Geld gefordert, das eben nicht mehr zu horten ist, das den Gesamtprozess nicht mehr in zwei Teilprozesse zerlegen kann.

Und genau diese Analyse nahm MARX 30-40 Jahre früher vorweg. Er erklärte das „frühere oder spätere wieder Erscheinen des Geldes“ wie folgt: „Keiner kann verkaufen, ohne das ein anderer kauft. Aber keiner braucht unmittelbar zu kaufen, weil er selbst verkauft hat. Die Zirkulation sprengt die zeitlichen, örtlichen und individuellen Schranken des Produktenaustausches eben dadurch, dass sie die hier vorhandene unmittelbare Identität zwischen dem Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Arbeitsprodukts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet“, ein Gegensatz, der sich „gewaltsam durch eine Krise geltend macht“ (S. 127/128)

MARX und GESELL stimmen also darin überein, dass das Geld eine Form besitzt, die es zur Unterbrechung des Zirkulationsprozesses und letztlich zur Lahmlegung des Produktionsprozesses geeignet macht. Die Störungen der Konjunkturen und die Entstehung von Massenarbeitslosigkeit in den Krisen, heute in der ab Mitte der 70er Jahre beginnenden Dauer- und vermutlich Endkrise des Kapitalismus, haben damit zu tun, dass das Tauschmittel eben nicht tauschen muss, sondern den Tausch solange verschleppen kann, bis die Warenproduzenten so weichgekocht sind, dass sie die Zins- und Mehrwertbedingungen des Geldkapitals akzeptieren müssen.

Es war kein Geringerer als der von der RAF vor ca. 30 Jahren ermordete Präsident der Arbeitgeberverbände, Dr. Martin Schleyer, der die Analyse von Marx und Gesell bestätigte, allerdings im Sinne der Erhaltung des Ausbeutungssystems: GELDKAPITAL MUSS ANGEMESSEN BEDIENT WERDEN; SONST STELLT ES SICH DER WIRTSCHAFT NICHT ZUR VERFÜGUNG. Und es war der Bankier Rothschild, Peter Zimmermann wies im SO-Internet unter Ziffer 40. am 9. 12. 08 darauf hin, der schon vor dem 1. Weltkrieg aussagte, dass es dem Geldkapital völlig egal ist, wer politisch das Sagen habe, ob Kaiser oder Präsidenten, Hauptsache sie überlassen den Banken das Geldwesen; mit dem sie auch die Produktion und die Produktionsmittel beherrschen. Diese Feststellung hat ebenso wenig mit Antisemitismus zu tun, wie die Feststellung, dass die christlichen Bankiers Fugger, Welser, Höchstätter, u. a. das kapitalismusfreie und den Feudalismus auflösende Umlaufgeld des Hochmittelalters durch das kapitalistische Hortgeld ersetzten, etwas mit Antichristentum zu tun hat oder die Feststellung das der christliche Bankier Morgan und die christliche Rockefeller-Dynastie durch ihre Börsenmanöver und massive Geldhortung 1929 die Weltwirtschaftskrise auslösten, an deren Ende bei uns die Diktatur Hitlers und der 2. Weltkrieg standen.

In Bd. III. verfeinert MARX im „Gesetz vom tendenziellen Falle der Profitrate“ seine Krisentheorie am entwickelten Kapitalismus und erklärt das, wieder in Übereinstimmung mit GESELL, aus der Überproduktion von Kapital, das zum Verfall der Profitrate (Zinssenkung bis zu Rentabilitätsgrenze) führt und in der Krise durch Vernichtung des Überscbusskapitals die Profitrate (Zins bei Gesell) sichert und so die nächste Konjunktur ermöglicht. Im Kapitel „Zins und Unternehmergewinn“( S.383–403) stellt dann MARX fest, dass auch die soziale Spaltung in Ausbeuter und Ausgebeutete dem Vorrang des Geldkapitals zuzuschreiben ist, das „vor dem Produktionsprozeß und außerhalb des Produktionsprozesses“ stehend (S. 387) das bloße Kapitaleigentum vertritt, dem der Zins zufließt, der „als vorweggenommen vorausgesetzt ist, bevor der Produktionsprozeß beginnt, also bevor dessen Resultat, der Bruttoprofit erzielt ist.“ (S. 386) In der Formel der Mehrwertbildung G-W-G (Geld-Ware-Geld) des entwickelten Kapitalismus heißt das: Am Ende des Prozesses muß mehr Geld, G+, herausgeholt werden, als am Anfang in den Prozeß hineingesteckt wurde. Dieser Mehrwert wird im Produktionsprozess W als W+ erarbeitet und nach geglückter Operation als W+ verkauft und in G+ umgewandelt. Von diesem Roh- oder Bruttoprofit ist der Zinsanteil dem Anfangskapital, bzw. dem Leiher, dem Geldkapitalisten, zuzuführen. Der Rest verbleibt dem fungierenden Kapitalisten als Unternehmergewinn. Das Geldkapital selbst kann dank seiner Hortungsfähigkeit den Produktions-prozess dann gar nicht stattfinden lassen, wenn keine „angemessene Bedienung“ (Dr. Schleyer) gewährleistet ist, d.h. wenn die Profitrate/Zinsrendite bereits so niedrig ist, dass weitere Investitionen für das Kapital, also Umwandlung des „vor und außerhalb des Produktionsprozesses stehenden Geldkapitals“ in Sach- oder Realkapital, also in Produktionsmittel eher mit Verlusten verbunden sind. Die Angst vor Verschärfung der Krise mit Arbeitsplatzverlust für die Arbeiter und Pleite für Unternehmen, zwingt diese dann Löhne und Unternehmer-gewinne noch mehr vom Kapitalanspruch auf Zins drücken zu lassen. Die Macht des Geldkapitals über das produktiv eingesetzte Kapital und die Arbeitskräfte lässt sich formelmäßig so ausdrücken, das in G-W-G diese Macht des Geldkapitals seinen Verwertungsprozeß an Mindestbedingungen knüpfen und ihn andernfalls zu verweigern mit einem dicken Balken für die jederzeit dem Geldkapital mögliche GELDSPERRE, dem Ausdruck des anfangs genannten GELDSTREIKMONOPOLS zu kennzeichnen: G I –W+ - G+.

Aufgabe einer neuen Sozialismuspolitik als Politik eines „Sozialismus in Freiheit“ (unter diesem Titel lernte ich den LIBERALSOZIALISMUS 1946/47 in der Seifertschen Buchhandlung meiner Heimatstadt Großenhain kennen), wäre es nach gründlicher theoretischer Klärung, eine neue sozialistische Geldpolitik; ergänzend eine neue sozialistische Boden- und Steuerpolitik, zu entwickeln. Sie hat das Symbol für die GELDSPERRE in obiger Formel umzuwandeln in ein Symbol für einen ANGEBOTSZWANG für Geldkapital – unter jeder Bedingung, auch der, dass gerade dadurch die Profit- und Rentabilitätsrate durch ein nun mögliches absolutes Kapitalüberangebot null werden muss, bzw. um null pendelt. Was dann eintreten würde, nannte der sozialistische Theoretiker Naphtali, später Wirtschaftsminister Israels, in „Wirtschaftsdemokratie“: „Der Mehrwert/ Zins würde in einem Meer von Kapital ersäuft“. Das Sachkapital, die Produktionsmittel, verlieren ihren Knappheitscharakter – und damit ihren Kapitalscharakter, weil das Geldkapital als ursprüngliches Kapital durch Aufhebung der GELDSPERRE seinen Kapital-, Ausbeutungs- und Machtcharakter verliert. Damit würde auch das Recht auf den vollen, nicht mehr durch Mehrwert gekürzten Arbeitsertrag, als altes sozialistisches Ziel, eine ausbeutungsfreie LIBERALSOZIALE ORDNUNG – LSO möglich.

Der Verfasser steht für Diskussionen zur Verfügung. Unentbehrlich sind seine Texte: “Warum der Marxismus scheitern musste, Widersprüche zw. Mehrwert- und Geldtheorie von Marx.“ und „Führt der DRITTE WEG der PDS in den demokratischen Sozialismus oder in einen Sozialkapitalismus?“ je ca.50 S, je € 3,50, zus. € 6,- . K. Walker: „Überlegungen zur Werttheorie“ € 2,-. Alle 3 Texte € 7,50. Vierteljährlich informiert: ALTERNATIVE, Blätter für Gerechtigkeit, Ökologie, Basisdemokratie, Frieden

4 Probehefte 2007 € 6,- „Freiwirtschaft – Ausweg aus dem Planungschaos der DDR“, €. 3,50 , auch in Briefmarken. Bürgerinitative A3W, ALTERNATIVE DRITTER WEG,
31079 Eberholzen, Gänseberg 11, mail:
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